Cover des Albums Verwandlung

MrAxellency

VERWANDLUNG

Melancholie trifft Aufbruch.
Und zeitlose Poesie auf zeitgenössischen Sound.

Vierzehn deutschsprachige Gedichte über das Sein, das Werden und das Vergehen, das Sehnen, das Akzeptieren und das Festhalten.
Sie alle werden Musik.

VERWANDLUNG verschmilzt Rilke mit Folk, Nietzsche mit Hip-Hop, gibt jedem Stück eine radikal eigene Form. Die Melancholie der Jahrhunderte erklingt in ihrer gesamten Spannweite: von resignierender Verzweiflung bis zur jauchzenden Hoffnung.

Erlebe einige der größten lyrischen Werke der letzten Jahrhunderte völlig neu. So zugänglich und emotional wie nie.

Die Gedichte

Klicke auf einen Titel, um den Text zu lesen.

Ich bin ein Pilger, der sein Ziel nicht kennt;
der Feuer sieht und weiß nicht, wo es brennt;
vor dem die Welt in fremde Sonnen rennt.

Ich bin ein Träumer, den ein Lichtschein narrt;
der in dem Sonnenstrahl nach Golde scharrt;
der das Erwachen flieht, auf das er harrt.

Ich bin ein Stern, der seinen Gott erhellt;
der seinen Glanz in dunkle Seelen stellt;
der einst in fahle Ewigkeiten fällt.

Ich bin ein Wasser, das nie mündend fließt;
das tauentströmt in Wolken sich ergießt;
das küßt und fortschwemmt weint und froh genießt.

Wo ist, der meines Wesens Namen nennt?
Der meine Welt von meiner Sehnsucht trennt?

Ich bin ein Pilger, der sein Ziel nicht kennt.

Ich habe dir den Abschiedskuß gegeben
Und klammre mich nervös an deine Hand.
Schon mahn ich dich, auf Dies und Jenes Acht zu geben.
Der Mensch ist stumm.

Will denn der Zug, der Zug nicht endlich pfeifen?
Mir ist, als dürfte ich dich nie mehr wiedersehn.
Ich rede runde Sätze, ohne zu begreifen
Der Mensch ist stumm.

Ich weiß, wenn ich dich nicht mehr hätte,
Das wär' der Tod, der Tod, der Tod!
Und dennoch möcht' ich fliehn. Gott, eine Zigarette!
Der Mensch ist stumm.

Dahin! Jetzt auf der Straße würgt mich Weinen.
Verwundert blicke ich mich um.
Denn auch das Weinen sagt nicht, was wir meinen.
Der Mensch ist stumm.

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein. –
Wohl dem, der jetzt noch Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts, ach! wie lange schon!
Was bist Du Narr
Vor Winters in die Welt entflohn?

Die Welt – ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends halt.

Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg, Vogel, schnarr
Dein Lied im Wüstenvogel-Ton! –
Versteck, du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein. –
Weh dem, der keine Heimat hat.

Wem kann ich klagen,
Der mit mir fühlt?
Wem kann ich sagen,
Was in mir wühlt?

Jedem frisst eigenes
Leid in den Säften.
Manche verschweigen es.
Einige zeigen es.
Aber die Menge vergißt's in Geschäften.

Nur wer uns liebt,
Wird mit uns teilen.
Liebe vergibt,
Liebe kann heilen.

Ich schaue zurück:
Einst durft ich lieben.
Doch all mein Glück
Ist Stück für Stück
Am Wege geblieben.

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

Ich ließ meinen Engel lange nicht los,
und er verarmte mir in den Armen
und wurde klein, und ich wurde groß:
und auf einmal war ich das Erbarmen,
und er eine zitternde Bitte bloß.

Da hab ich ihm seine Himmel gegeben,
und er ließ mir das Nahe, daraus er entschwand;
er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,
und wir haben langsam einander erkannt...

Seit mich mein Engel nicht mehr bewacht,
kann er frei seine Flügel entfalten
und die Stille der Sterne durchspalten,
denn er muss meiner einsamen Nacht
nicht mehr die ängstlichen Hände halten
seit mich mein Engel nicht mehr bewacht.

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Geh! gehorche meinen Winken,
Nutze deine jungen Tage,
Lerne zeitig klüger sein!

Auf des Glückes großer Waage
Steht die Zunge selten ein.

Du mußt steigen oder sinken,
Du mußt herrschen und gewinnen
Oder dienen und verlieren,
Leiden oder triumphieren,
Amboß oder Hammer sein.

Verarge mir es nicht, Melancholie,
daß ich die Feder, dich zu preisen, spitze
und daß ich nicht, den Kopf gebeugt zum Knie,
einsiedlerisch auf einem Baumstumpf sitze.
So sahst du oft mich, gestern noch zumal,
in heißer Sonne morgendlichem Strahle:
begehrlich schrie der Geier in das Tal,
er träumt vom toten Aas auf totem Pfahle.

Du irrtest, wüster Vogel, ob ich gleich
so mumienhaft auf meinem Klotze ruhte!
Du sahst das Auge nicht, das wonnenreich
noch hin und her rollt, stolz und hochgemute.
Und wenn es nicht zu deinen Höhen schlich,
erstorben für die fernsten Wolkenwellen,
so sank es um so tiefer, um in sich
Des Daseins Abgrund blitzend aufzuhellen.

So saß ich oft, in tiefer Wüstenei,
unschön gekrümmt, gleich opfernden Barbaren,
und deiner eingedenk, Melancholei,
ein Büßer, ob in jugendlichen Jahren!
So sitzend freut' ich mich des Geier-Flugs,
des Donnerlaufs der rollenden Lawinen,
du sprachst zu mir, unfähig Menschentrugs,
wahrhaftig, doch mit schrecklich strengen Mienen.

Du herbe Göttin wilder Felsnatur
du Freundin liebst es, nah mir zu erscheinen,
du zeigst mir drohend dann des Geiers Spur
und der Lawine Lust, mich zu verneinen.
Rings atmet zähnefletschend Mordgelüst:
qualvolle Gier, sich Leben zu erzwingen!
Verführerisch auf starrem Felsgerüst
sehnt sich die Blume dort nach Schmetterlingen.

Dies alles bin ich – schaudernd fühl' ich's nach –
verführter Schmetterling, einsame Blume,
der Geier und der jähe Eisesbach,
des Sturmes Stöhnen – alles dir zum Ruhme,
du grimme Göttin, der ich tief gebückt,
den Kopf am Knie, ein schaurig Loblied ächze,
nur dir zum Ruhme, daß ich unverrückt
nach Leben, Leben, Leben lechze!

Verarge mir es, böse Gottheit, nicht,
daß ich mit Reimen zierlich dich umflechte.
Der zittert, dem du nahst, ein Schreckgesicht,
der zuckt, dem du sie reichst, die böse Rechte.
Und zitternd stammle ich hier Lied auf Lied
und zucke auf in rhythmischem Gestalten:
die Tinte fleußt, die spitze Feder sprüht –
nun, Göttin, Göttin, laß mich – laß mich schalten!

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
da zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? vielleicht dein Lebensglück...
vorbei, verweht, nie wieder.

Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang,
die dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hasts gefunden,
nur für Sekunden...
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider;
Was war das? kein Mensch dreht die Zeit zurück...
Vorbei, verweht, nie wieder.

Du mußt auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Es sieht hinüber
und zieht vorüber..
. Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider.
Was war das?
Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.

Kennst du das Wort, das Herzen mächtig bindet?
Kennst du der Liebe trauliches Symbol?
Das feste Band, das sich um Freunde windet,
Des Fürsten Heil, des Vaterlandes Wohl?

An Stärke muß ihm Stahl und Eisen weichen;
Doch hat es einen mächt'gen stillen Feind;
Streichst du des hohen Wortes erstes Zeichen,
Hast du die finstre Macht, die ich gemeint.

So lang die Welt steht liegen diese beiden
Im Kampf um höchstes Leid und höchste Lust;
Halt fest am Ganzen;
laß sie nimmer streiten
In deiner stillen und zufriednen Brust.

Kürzlich kam ein Wort zu mir,
staubig wie ein Wedel,
wirr das Haar, das Auge stier,
doch von Bildung edel.

Als ich, wie es hieße, frug,
sprach es leise: „Herzlich".
Und aus seinem Munde schlug
eine Lache schmerzlich.

„Wertlos ward ich ganz und gar,"
rief's, „ein Spiel der Spiele,
Modewort mit Haut und Haar,
Kaviar für zu viele."

Doch ich wusch's und bot ihm Wein,
gab ihm wieder Würde,
und belud ein Brieflein fein
mit der leichten Bürde.

Schlafend hat's die ganze Nacht
weit weg reisen müssen.
Als es morgens aufgewacht,
kam ein Mund - es küssen.

Ja, hätte mir vor Anbeginn
So manches nicht gefehlt,
Und hätt ich nur mit anderm Sinn
Den andern Weg erwählt,

Und hätt ich auf dem rechten Pfad
Die rechte Hilf empfahn
Und so statt dessen, was ich tat,
Das Gegenteil getan,

Und hätt ich vieles nicht gemußt
Auf höheres Geheiß
Und nur die Hälft vorher gewußt
Von dem, was heut ich weiß,

Und hätt ich ernstlich nur gewollt,
Ja, wollt' ich nur noch jetzt,
Und wäre mir das Glück so hold
Wie manchem der's nicht schätzt,

Und hätt' ich zehnmal soviel Geld
Und könnt', was ich nicht kann,
Und käm noch einmal auf die Welt –
Ja, dann!

Ich wiege und wiege und wiege mich ein
mit Träumen bei Tag und bei Nacht
und trinke den selben betäubenden Wein
wie der, der schläft, wenn er wacht.

Ich singe und singe und sing' mir ein Lied,
ein Lied von Hoffnung und Glück,
ich sing' es wie der, der geht und nicht sieht,
dass er nimmermehr gehn kann zurück.

Ich sage und sage und sag' mir die Mär,
die Mär vom Liebesgeflecht,
ich sage sie mir und glaub' doch nicht mehr
und weiß doch: das Ende ist schlecht.

Ich spiele und spiele mir die Melodei
der Tage, die nicht mehr sind,
und mache mich von der Wahrheit frei
und tue, als wäre ich blind.

Ich lache und lache und lache mich aus
ob dieses meines Spiels.
Und spinne doch Träume, so wirr und so kraus,
so bar eines jeden Ziels.